Wer verdient an deinem Kaffee?
Eine ehrliche Betrachtung der Wertschöpfung in der Specialty Coffee Lieferkette
Kaffee ist eines der beliebtesten Genussmittel der Welt – und eines der ungerechtesten. Während Konsument:innen für ihren Flat White locker fünf Franken auf den Tresen legen, kommt bei den Menschen, die diesen Kaffee angebaut haben, oft kaum etwas davon an. Und nein – das ist kein Relikt aus der Kolonialzeit. Das ist immer noch Realität. Auch – und gerade – im Segment des hochwertigen Specialty Coffee.
Was sagt die Forschung?
Eine neue Studie von Karl Wienhold und Peter W. Roberts (2024) zeigt: Selbst in den differenzierten Märkten der „Third Wave“ – also dort, wo Herkunft, Qualität und Story eine zentrale Rolle spielen – wird der Großteil der Wertschöpfung am Ende der Lieferkette abgeschöpft. Bei Röster:innen, Cafés, Einzelhandel – nicht bei den Produzent:innen [Quelle: Specialty Coffee Value Distribution Study, Wienhold & Roberts, 2024].
Die Autor:innen haben grüne und geröstete Kaffeepreise über mehrere Jahre verglichen. Das Ergebnis: Die Preise für Specialty Coffee im Verkauf sind stark gestiegen – teilweise um über 75 % zwischen 2014 und 2023 [Quelle: Specialty Coffee Retail Price Index, SCRPI]. Aber der Anteil, der bei den Produzierenden ankommt? Kaum verändert.
Ein kurzer Blick zurück
In den 1940er-Jahren gingen etwa 38 % des Kaffeeverkaufspreises in den USA an die Ursprungsländer. Im Jahr 2001 waren es nur noch 12 %. Heute? Unter 10 % [Quelle: Samper et al., 2017; Pendergrast, 1999].
Wertschöpfung ≠ Wertverteilung
Die zentrale Frage ist nicht, wie viel Wert entsteht – sondern wo er hängen bleibt. Produzent:innen ernten selektiv, fermentieren innovativ, dokumentieren Chargen, pflegen Böden. Trotzdem fließt der Hauptanteil der Marge in den globalen Norden [Quelle: Daviron & Ponte, 2005; ICO, 2020].
Die FAO (Food and Agriculture Organization) spricht von “Value Distribution Gaps” – strukturellen Ungleichgewichten entlang der Lieferkette [Quelle: FAO Coffee Value Chain Studies]. Und die International Coffee Organization (ICO) stellt fest: Rund 44 % der weltweit 12,5 Millionen Kaffeebauern leben in Armut [Quelle: ICO Coffee Development Report, 2020].
Was ist mit Specialty Coffee?
Specialty Coffee galt lange als Hoffnungsschimmer. Differenzierung durch Qualität, Mikroklima, Sortenvielfalt – verbunden mit Transparenz und Beziehung. Doch laut der Specialty Coffee Transaction Guide kommen diese Mehrwerte nur in seltenen Fällen auch bei den Produzent:innen an – und wenn, dann meist über direkte Partnerschaften, nicht über Labels [Quelle: SCTG Annual Report 2022].
Zertifizierungen wie Fairtrade, Rainforest Alliance oder Organic bieten Orientierung, helfen aber oft nicht beim Preis. Viel entscheidender ist laut Studien von Technoserve und Trienekens & van Dijk (2021) die Kombination aus Qualitätsverbesserung und direktem Zugang zum Markt [Quelle: Technoserve Coffee Reports].
Was tun wir bei PATAP?
Wir veröffentlichen unsere Einkaufspreise, bauen echte Beziehungen auf, und versuchen, unseren Partner:innen auf Augenhöhe zu begegnen. Carlos Pola oder Leodan Bautista sind für uns keine Lieferanten – sondern Teil unserer Idee von Verantwortung.
Was wir zahlen, deckt nicht nur Produktionskosten, sondern ermöglicht Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Nachhaltigkeit. Kein Hochglanzlabel, sondern: echte Transparenz.
Was kannst du tun?
Frag nach. Schau hinter das Label. Lies nicht nur „Direct Trade“, sondern frag: Wer bezahlt wie viel an wen?
Je mehr Menschen solche Fragen stellen, desto eher entstehen neue Modelle – jenseits von Greenwashing und Marketingtricks.
Denn Kaffee ist kein Luxusgut. Er ist ein Kulturgut. Und gute Kultur braucht faire Grundlagen.
Verwendete Quellen & Querverweise:
1. Wienhold & Roberts (2024) – “Value Distribution in Specialty Coffee Chains”, abrufbar über Mendeley: DOI-Link
2. FAO – Coffee Value Chain Analyses: www.fao.org
3. International Coffee Organization (ICO) – Coffee Development Reports: www.ico.org
4. Specialty Coffee Transaction Guide – www.transactionguide.coffee
5. Specialty Coffee Retail Price Index (SCRPI) – SCRPI Dataset 2023
6. Daviron & Ponte (2005) – “The Coffee Paradox”
7. Samper et al. (2017) – Coffee Market Revenue Studies
8. Technoserve – Improving Incomes for Coffee Farmers: www.technoserve.org